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FORM:ETHIK

    Ein Brevier für Gestalter.

    FORM:ETHIK ist ein Arbeitsbuch. Es versteht sich als Navigationshilfe und Inspirationsquelle für Gestalter. Es wendet sich an Designer, Typografen und Grafiker ebenso wie an Buchgestalter, Architekten, Web-Designer, Maler oder Modemacher. Aber auch an Unternehmer, Manager und Konsumenten. Es wird denen dienen, die – trotz notwendiger Fragmentierungen, um Komplexität zu bewältigen – das Große und Ganze nicht aus den Augen verlieren wollen.

    Durch einseitig bedruckte Seiten eröffnet sich Raum für eigene Gedanken. Handschriftlich herausgehobene Textpassagen auf den Blanko-Seiten befördern den Dialog-Charakter des Werkes. Der Satzspiegel wurde als Prägung hinterlegt, um die persönlichen Anmerkungen, die nach und nach die vakaten Seiten füllen können, ins Buch zu integrieren und ihren Wert zu unterstreichen. Das anschließende Ethik-Alphabet verstärkt den dialogischen Ansatz weiter: Jedem Buchstaben – von A wie Achtsamkeit bis Z bis Zukunft – wird eine Doppelseite mit Klapptafeln und Dialogkärtchen zum Heraustrennen gewidmet.


    Jan Teunen über sein Buch: »Unternehmenskultur kann erst entstehen, wenn Unternehmen neben ihrer (wirtschaftlichen) Hauptverantwortung freiwillig und etwa gleichgewichtig auch die ethische Verantwortung auf sich nehmen. Ethik fragt, wie der Mensch handeln soll. Sie ist die Begründung der Moral und die Legitimation für das menschliche Tun. Insofern ist sie praktische Philosophie; Philosophie, die auf das Handeln ausgerichtet ist. Eine Unternehmensethik legt fest, welchen Werten die Menschen im Unternehmen folgen sollen. Sie setzt die Fähigkeit voraus, eine jeweilige Situation beurteilen und durch sie das sittliche und das ethisch richtige Handeln ableiten zu können. Ethik spielt auch eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die Einrichtung von Büroräumen zu bestimmen. Die Gegenstände sollen sich nicht gegen Mensch und Natur richten. Sie müssen vielmehr dazu beitragen, dass Probleme gelöst werden und sich die Lebensqualität am Arbeitsplatz verbessert. Der Mitarbeiter wird es dem verantwortungsbewussten Unternehmen danken durch ein Mehr an Kreativität und Produktivität.«


    Hajo Eickhoff, Jan Teunen
    FORM:ETHIK
    Ein Brevier für Gestalter
    67 Seiten + 52 Ausklappseiten mit je 2 Abreißkarten
    Halbleinen, mit Bleistift im Deckel
    17 x 19 cm
    av-edition, Ludwigsburg, 2005
    39 Euro
    ISBN 3–89986–066–7


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    REZENSION


    Rückkehr der Verantwortung


    Arbeitsbuch und Entwurf einer Ethik für Gestalter: Mit »Form:Ethik« wollen Hajo Eickhoff und Jan Teunen Verantwortung und Moral wieder in den Mittelpunkt gestalterischen Handelns rücken.
    Shareholdervalue und Markenwahn schienen bereits über Inhalte und Kultur gesiegt zu haben. In den vergangenen Jahrzehnten rückte dabei die ethische Verantwortung des Designs außer Sichtweite. Nicht nur in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, auch unter Designern selbst wird die Disziplin eher Luxus und Lifestyle zugeordnet. Kaum einer versteht sie noch als verantwortungsvolle Aufgabe, die gesellschaftliche Werte erschaffen oder Lebensumstände verbessern könnte. Wollen Designer sich nicht lächerlich machen, so scheint es, müssen sie mit Verkaufszahlen und Marketingbegriffen argumentieren, nicht mit sozialer Verantwortung oder gestalterischem Ethos.
    Doch langsam erkennen selbst Unternehmen die – auch wirtschaftliche – Bedeutung verantwortungsvollen Handelns und beginnen umzudenken. Zeit also, einen Weckruf in die Designszene zu schicken, sich wieder mit der Verantwortung des Designs zu befassen und damit auch ein neues Berufsethos zu entwickeln. Das haben Hajo Eickhoff und Jan Teunen nun mit „Form:Ethik – Ein Brevier für Gestalter“ getan.
    In einem kompakten Text entwickeln sie eine Ethik für Gestalter, die nicht weniger als eine „Weltethik“ sein müsse: ganzheitliches Denken, verantwortungsbewusstes Handeln, Schonung der Ressourcen, das Begreifen der eigenen Arbeit als gesellschaftlich relevantes, Kultur und Werte schaffendes Tun im Kontext der gesamten Menschheit. – Weit mehr als die Erfüllung eines vom Marketing vorgegebenen Pflichtenheftes also. Denn in der Vereinnahmung des Designs durch einen ganz am Marketing orientierten Entwicklungsprozess sieht Herausgeber Christoph Böninger in seinem Vorwort eines der Grundprobleme der gegenwärtigen Situation. Sie habe die Designer „ihrer Fähigkeit, entlang eines ethisch fundierten Wertesystems visionär zu denken und zu handeln“ beraubt. „Form:Ethik“ wolle deshalb zwischen Gestaltern und Auftraggebern vermitteln und ein Wertesystem für die Zusammenarbeit schaffen.
    Bei dieser schwierigen Aufgabe erlauben sich die Autoren einen philosophischen Ansatz und den Blick auf das große Ganze. Sie gehen dabei zwar zurück bis in die Antike, der Bezug zur Designgeschichte bleibt aber leider aus. Doch die neue Wertedebatte im Design ist – mit den Worten Gert Selles – auch ein „Echo der historischen Utopien“. So wäre es für die Thematik interessant gewesen, herauszufinden, wieso eine gestalterische Ethik heute bessere Überlebenschancen hätte, was am moralischen Anspruch von HfG Ulm und Funktionalismus nicht funktionierte oder was eine neue gestalterische Ethik von früheren unterscheiden müsste. Diese Fragen werden leider nicht behandelt. Historie und Herkunft des gestalterischen Ethos, die durchaus wieder das Zeug hätten, als Fundament des Berufsstandes zu gelten, bleiben unerwähnt. Im Text findet sich manch vertraute, leicht apodiktisch wirkende Aussage in neuem Gewand, die eine kritischere Betrachtung verdient hätte: die Idee etwa, dass aus verantwortungsbewusstem Gestalten quasi automatisch Klassiker entstünden. Oder die Definition von Schönheit als „Funktionalität, Nützlichkeit und Sinn“, die an die Zeit der Werkbundkiste denken lässt.
    Dennoch haben Eickhoff und Teunen mit „Form:Ethik“ ein überfälliges Thema angegangen und ein kluges und weitblickendes Buch vorgelegt, das Haltung einfordert und zur Pflichtlektüre aller Designstudenten und Gestalter werden sollte. In einem an den Text anschließenden „Ethik-Alphabet“, von A wie Achtsamkeit bis Z wie Zukunft, verdichten sie ihre Aussagen und sorgen gleich für deren Verbreitung: Bei jedem Buchstaben finden sich zwei mit der Aussage bedruckte Abschnitte zum Weitergeben und ermutigen so zu einem Gedankenaustausch, der unter Gestaltern selten geworden ist. Zusammen mit dem in das Cover eingelassenen Bleistift und den Freiräumen für Notizen wird „Form:Ethik“ zu einem bibliophilen Arbeitsbuch.
    Mit wie in Stein gemeißelten Sätzen schaffen die Autoren verdichtete Aussagen von innerer Überzeugung, denen man eine intensive Auseinandersetzung in Designtheorie-Seminaren und Designbüros, aber auch in den Vorstandsetagen wünscht. Ein Buch, das Designer über die Verantwortung des eigenen Tuns, die Ethik des Berufsstandes, über politische und gesellschaftliche Verantwortung nachdenken lässt, aber auch Trost für die geschundene Designerseele bietet: mit Aussagen, die in ihrer Klarheit keinen Widerspruch dulden und die man gleich im nächsten Meeting zitieren möchte: „Kunst und Gestaltung erfolgen nicht in demokratischer Absprache.“ Und mit Sentenzen wie der des Chinesen Meng Tzu, die ermutigen, das eigene Tun als Gestalter auch im größten Sturm des Marketings an ethischen Prinzipien auszurichten: „Es ist möglich, als großer Mensch zu handeln.“
    Markus Frenzl
    im design report 12/2005