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Langenscheidt: Wörterbücher

    Sprache wird durch Schrift erst schön.

    Wörterbücher unterliegen der gleichen Gefahr wie Software-Programme: sie wachsen. Die Lebendigkeit der Sprache ebenso wie die sich ändernden Anforderungen der Nutzer bedingen kontinuierliche Erweiterungen. Und auch die Wörterbuchdidaktik entwickelt sich immer weiter.

    Beim Marktführer Langenscheidt ist allein im Zeitraum von 10 Jahren seit 1986 der Umfang des Taschenwörterbuchs von 1.280 auf 1.584 Seiten gestiegen, wurden aus etwa 80.000 satte 130.000 Stichwörter. In einer ersten Analyse 2007 mussten wir feststellen, dass bei den nun im Durchschnitt 82 Stichwörtern pro Seite der Wildwuchs deutliche Spuren hinterlassen hatte: Die Wendungen waren in ihrer kursiv-fetten Ausprägung wichtiger geworden als das eigentliche Stichwort, die Wortart- und Bedeutungsgliederungen ließen sich kaum noch finden und das Schriftbild insgesamt war unruhig, ja fleckig. Auch im Vergleich zum wichtigsten Wettbewerber konnte damit kaum noch ein echter Produktvorteil formuliert werden – ganz zu schweigen von der übermächtigen Konkurrenz der kostenlosen und dank Smartphones überall verfügbaren Online-Dictionaries.

    Gemeinsam haben wir die Aufgabenstellung damit so schlüssig wie komplex definiert: »Ein neues, modernes, übersichtliches Layout für alle Wörterbücher in allen Sprachen.« Unter Berücksichtigung der Vielfältigkeit der Zielgruppen (vom Anfänger über den Fortgeschrittenen bis zu Profiübersetzern) und der multiplen Anwendungssituationen (zwischen Urlaub, Studium, Beruf und allgemeiner Verständigung) orientierten wir uns dabei an vier Erfolgsfaktoren für die Navigation durch Wörterbücher: Auffinde-Geschwindigkeit, Richtigkeit des Ergebnisses, nachvollziehbare Systematik sowie einfache Verständlichkeit. Bei allem Interesse an guter Lesbarkeit liegt bei Wörterbüchern im Zweifel die Priorität auf der Finde-Geschwindigkeit.

    Entsprechend ging es in Makro- und Mikro-Navigation/-Typografie um eine Leserführung, die intuitiv zum Ergebnis führt. Wortarten, Indikationen, Flexionen oder Wendungen wurden so zum Beispiel in einer komplett überarbeiteten Artikelstruktur eingeordnet, das Stichwort aus der Spalte leicht ausgerückt, die Lautschrift als Teil des Stichwortes in Sonderfarbe gesetzt und eine Reihe neuer, sich selbst erklärender Symbole und Abkürzungen geschaffen. In Verbindung mit der speziell für diese Aufgabe angepassten Schrift Phoenica von Ingo Preuß, einem neuen Papier mit weißerem Farbort und besserer Opazität entsteht so ein neues, ruhiges Schriftbild. Und eine eigenständige, der Marke Langenscheidt klar zuordenbare Optik.

    Zum Ende ist dies auch die Geschichte vom Mut eines Verlegers: Es ist uns durch die Schriftwahl und Veränderungen in der Abkürzungssystematik gelungen, fast 16% Platz einzusparen. Dies wurde jedoch nicht genutzt, um Seiten einzusparen, sondern um die Anzahl der Stichworte nochmals zu erhöhen: Gratulation, Herr Langenscheidt!

     

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    Die Zeitschrift NOVUM über die neue Typografie der Langenscheidt Wörterbücher


    Sprache wird durch Schrift erst schön.

    Das neue Wörterbuch-Design

    Das Wörterbuch als typografische Herausforderung. Mutig hat Marktführer Langenscheidt eine fundamentale Neugestaltung der Lexikonseiten angegangen. Für die Design-Profis von Kochan & Partner wie für den Schriftentwerfer Ingo Preuß eine ebenso arbeitsintensive wie spannende Aufgabe.

    Wahrscheinlich sind die Auswirkungen der Globalisierung am unmittelbarsten auf dem Markt der Wörterbücher zu verspüren. Die weltweite Kommunikation verlangt nun einmal danach, dass man sich auch über Sprachgrenzen hinweg versteht. Zugleich hat die Medienrevolution auch vor dem Wörterbuch nicht Halt gemacht. Schon lange zuvor hatte sich eine beachtliche Diversifikation durchgesetzt: Vom dickleibigen, teils mehrbändigen Nachschlagewerk mit minutiösen etymologischen und orthografischen Angaben über handliche Hilfen für Urlaubs- oder Geschäftsreisende bis zu konzentrierten Taschenausgaben und Lilliput-Versionen erstreckt sich mittlerweile das Spektrum. Ganz zu schweigen von Spezialausgaben für bestimmte Berufe oder besondere Anlässe („Deutsch-Frau/Frau – Deutsch“).

    Trotz vielfacher elektronischer Konkurrenz erweist sich das Medium Buch auf diesem Gebiet offenbar als unschlagbar. Allerdings haben sich Nutzungsweisen und Lesegewohnheiten deutlich verändert. Nicht nur laufende inhaltliche Aktualisierung steht deshalb auf dem Programm. Modifikationen und maßvolle Modernisierung flossen schon immer in die Gestaltung der Wort-Erläuterungen ein, doch nun hat Langenscheidt, seit Langem Inbegriff des Wörterbuchs schlechthin, einen Schritt zur grundsätzlichen Neukonzeption unternommen. Waren die bisherigen Neuerungen in erster Linie hausintern erfolgt und eher am wechselnden Zeitgeschmack orientiert, beauftragte man nun erstmals eine Spezialagentur mit der Aufgabe, deren wahre Dimension erst allmählich deutlich wurde.

    Für Martin Summ, bei der ausführenden Agentur Kochan & Partner, München, für die typografische Entwicklung und Realisierung zuständig, erwies sich die Auseinandersetzung mit dem Thema Wörterbuch jedenfalls als ein wachsendes Labyrinth voller Fallstricke. Französisch etwa brachte ihn fast zur Verzweiflung, weil dort das Schriftbild völlig anders aussieht. Doch auch die Verlagsprofis mussten für die Feinheiten erst einmal sensibilisiert werden. Ein gemeinsamer Workshop zu Beginn der Unternehmung sorgte für geschärftes Problembewusstsein. Ein besonderer Aspekt der Aufgabe lag in der Entscheidung für eine bestimmte Schrift. Denn die Anforderungen gehen hier weit über die bloße ästhetische Wirkung hinaus. Nicht nur dass die gewählte Type über zahllose diakritische Zeichen, phonetisches Alphabet und diverse Sonderzeichen verfügen muss, um für jede Sprache anwendbar zu sein. Nicht weniger bedeutsam ist die Frage, wie breit eine Schrift läuft, ohne zu schmal oder eng zu erscheinen – angesichts der typischen Materialfülle kann sich nämlich dadurch der Umfang eines Bandes spürbar verändern. Und noch ein Punkt spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle: Denn die Zielsetzung lautete, für alle Elemente eine Schriftfamilie einzusetzen. Ein ehrgeiziges Novum, denn schon die gängige Zweischriftenlösung stellt den Gestalter angesichts der Fülle von Auszeichnungen und Hervorhebungen innerhalb einer einzelnen Wort-Erläuterung nicht selten vor Probleme. So steht nicht nur eine gute Lesbarkeit im Vordergrund, sondern ebenso die klare Orientierung über das Schriftbild. Martin Summ bringt es auf den Punkt: „Im Wörterbuch will man nicht lesen, sondern finden.“ Doch dabei sind die Suchkriterien recht unterschiedlich. Mag sich der eine mit der bloßen Übersetzung zufriedengeben, sucht der andere die korrekte Aussprache, der dritte vielleicht spezielle fachsprachliche Bedeutungen und der nächste typische Wendungen oder syntaktische Besonderheiten. Da es in der Regel jeder Benutzer zudem eilig hat und sofort Antwort auf seine Suche erwartet, muss das Ordnungssystem auch noch selbsterklärend sein. Lange Erläuterungen oder Bedienungsanleitungen sind unerwünscht. Kamen unter diesen Voraussetzungen ohnehin nur einige wenige Schriften infrage, so sollte sich die letztlich getroffene Wahl als besonderer Glücksgriff erweisen: Denn mit der Phoenica des jungen Typedesigners Ingo Preuß stand nicht nur eine voll ausgebaute Schriftenfamilie zur Verfügung, die keine Wünsche an Fremdsprachensatz und Sonderzeichen unerfüllt ließ. Der Entwerfer war außerdem sofort bereit, etwa fehlende Zeichen zu ergänzen. Da das kleine feine Typelabel GTF (German Type Foundry) mit Michael Bundscherer eine Dependance in München unterhält, waren die Kommunikationswege denkbar kurz. Perfektionist Preuß schuf „just in time“ das Benötigte, sodass es keine Verzögerungen gab - undenkbar, wenn etwa eine Schrift eines der großen Anbieter gewählt worden wäre. So entstand förmlich auf Zuruf zwar kein Exklusiventwurf, aber sozusagen eine ganz eigene Langenscheidt-Schrift, maßgeschneidert für die besonderen Bedürfnisse des Wörterbuch-Designs.

    Wie zeigt sich nun das Ergebnis? Auch dem Laien fällt sofort der Unterschied zum herkömmlichen Wörterbuch-Design ins Auge. Die Seiten sind klar gegliedert, ohne dass einzelne Passagen in den Vordergrund treten. Die übliche Unruhe durch zwei Schriftfamilien ist aufgehoben, das Ganze wirkt frisch, modern und aus einem Guss, bietet aber zugleich ein übersichtliches Ordnungssystem. Dabei erleichtern zahlreiche versteckte Finessen die gezielte Suche ebenso wie den schnellen Überblick. Die strukturelle Logik innerhalb eines einzelnen Worteintrags erschließt sich dabei von selbst, ohne von der eigentlichen Erläuterung abzulenken. Gerade wenn sehr viele Wortbedeutungen zusammenkommen oder unterschiedliche syntaktische Einbindung vermerkt werden muss, funktioniert das neue Prinzip sehr gut – eine Meisterleistung in dieser komprimierten Form, denn Kompaktheit ist sogar bei den großen Wörterbüchern unerlässlich.

    Mit Fug und Recht lässt sich also behaupten, diese typografische Großtat wird zur besseren Völkerverständigung beitragen!