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SECESSION: Buchgestaltung Sprechendes Wasser

    Von Wasserkobolden und dem Blättern zwischen den Seiten

    Lyrik ist unverkäuflich ... und wenn sie dann doch den Weg ins heimische Wohnzimmer gefunden hat, bleibt sie ungelesen. Wie kann es da gelingen, dem ruhigen Dialog zwischen europäischer und fernöstlicher Denk- und Schreibweise einen angemessenen Raum zu geben? Aufmerksam zu machen auf eine ins Jetzt gehobene Kunstform des »Renga«, des altjapanischen Kettengedichtes? Dieses Buch nimmt auch den unerfahrenen Lyrikleser an die Hand und führt ihn behutsam auf neues Terrain.

    Ein Schweizer Dichter und ein japanischer Poet treten in einen berührenden, überraschenden und an jeder Stelle intensiv poetischen west-fernöstlichen Dialog. Sprechendes Wasser verbindet die Entwürfe, die Gedanken und Erzählungen zweier Generationen aus zwei unterschiedlichen Kulturen und bindet sie in den Kreislauf des Urelements der Sprache: in den poetischen Gedanken, in die Schönheit des gelungenen Bildes.

    Während eines Poesiefestivals in Südafrika trafen sich die beiden Dichter erstmals. Der junge Jürg Halter ist beeindruckt vom älteren Tanikawa Shuntarô, der anstelle der sonst üblichen feierlichen Kleidung die Bühne mit einem schlichten T-Shirt betrat, von dem er sein Gedicht ablas: einige Strophen, die sich ausgehend vom japanischen Wort »Kappa« (Wasserkobold) musikalisch entfalteten. Aus den nachfolgenden Unterhaltungen und Sendungen zwischen Japan und der Schweiz entspann sich ein kontinuierlicher Dialog mit nur wenigen persönlichen Begegnungen. Das Projekt »Sprechendes Wasser« entwickelte sich über vier Jahre als vereinbarte Kunstform mit jeweils maximal fünf Zeilen. Ergänzt um während dieser Zeit entstandene Alltagsfotografien der beiden Autoren führt es unaufgeregt in komplexe und doch ganz einfach nachvollziehbare Bilder, die Raum geben für das Sammeln eigener Momente. Oder, wie es in einem Gedicht von Shuntarô schmunzelnd heißt: »In der Einsamkeit von zwei Milliarden Lichtjahren – musste ich unversehens niesen.«

    Die Ausstattung des Buches nutzt die haptischen Möglichkeiten sensibler Material- und Veredelungsmöglichkeiten und systematischer Leserführung gerade im zweisprachlichen Dialog. Hintergründig entstehen durch die bedruckten Innenseiten der japanischen Bindung nochmals eigene Muster, eine neue Form der Verbindung von Oberfläche und Untergrund. Die Idee des Kettengedichtes wird durch das unterbrechungsfreie Ineinanderfließen der Seiten beim Blättern unterstützt. Der Doppeleinband mit Wechsel vom Hoch- zum Querformat verdeutlicht den Dialog zwischen westlichen und fernöstlichen Denk- und Schreibweisen. Und macht den Kopf frei für Zeilen wie diese: »Einen Füller auf zwei Fingern balancierend, / saß der Mann am Fenster im Zug / als sähe er aus einem Gemälde / auf die Landschaft im Regen / an der gegenüberliegenden Wand«.


    Jürg Halter
    Tanikawa Shuntarô
    Sprechendes Wasser
    Ein Kettengedicht
    Deutsch und Japanisch
    Mit einem Nachwort von Okuda Osamu
    Aus dem Deutschen von Niimoto Fuminari
    Aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein
    62 Seiten, mit 19 Fotografien von Jürg Halter und Tanikawa Shuntarô
    Hardcover mit Hardcover Umschlag, Japanische Bindung
    13,5 x 20,7 cm
    Secession Verlag für Literatur, Zürich und Berlin, 2012
    28,90 Euro
    ISBN 978-3-905951-15-8