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Branding & Design

Thomas Pruss 30.10.2013

Typografie, Design, Mitarbeiter, München, Buch

BEAUTY-BLASCHKE

Es ist Sonntagnachmittag, als ich durch die Münchner Innenstadt schlendere. Vor einer Ladenzeile bleibe ich stehen. Auf Fingernägel gemalte Eulen blicken von großformatigen Bildern auf mich herab. Schlecht spationierte Versalien zieren die große Fensterfront: »BEAUTY-CENTER« steht da in neongelber Schrift geschrieben. Material: Klebefolie, wobei sich der Fuß des »R« bereits zur Hälfte gelöst hat. Belustigt ziehe ich weiter in Richtung Hackenviertel. Erneut mache ich vor einem Geschäft Halt. Wohl spationierte Buchstaben mit kräftigen Serifen schmücken das Schaufenster des Kaufhauses »RADSPIELER«  – handgezeichnet und aus Blattgold gefertigt. Bei passendem Lichteinfall wird die Versiegelung sichtbar, die eine lange Haltbarkeit des Materials gewährt. Dezent im unteren rechten Eck platziert, jedoch auffällig genug, um nicht übersehen zu werden, steht noch etwas, eine Art Signatur: »BLASCHKE«.

»Von Asam bis Zrenner – Auf den Spuren des Münchner Schriftenmalers Karl Blaschke« lautet der Name der Publikation, die vor Kurzem im Münchner Verlag August Dreesbach erschien. Autor Oliver Linke war der Erste, der im Rahmen seiner typografischen Spaziergänge »TypeWalks« gemeinsam mit Robert Strauch auf die unscheinbaren Signaturen aufmerksam wurde. Im Sommer 2009 nahm sich eine Gruppe seiner Studenten dem Thema an. In eingehenden Streifzügen durchforschten wir – Linus Gläßel, Wolfgang Haas, Regine Thiering, Magdalena Wolf und ich – Straße für Straße nach neuen Schildern (so manche vermeintliche Signatur entpuppte sich dabei als Rostfleck), sichteten Archivmaterial und sprachen mit Zeitzeugen, darunter zwei inzwischen Verstorbene, die Witwe Maria Blaschke und Firmennachfolger Heinrich Steigelmann. Die Ergebnisse werden nun, vier Jahre später, dank dem Engagement zahlreicher weiterer Freiwilliger erstmals präsentiert.

Viele der damals entdeckten Schilder existieren heute nicht mehr. Beschriftungen, die hauptsächlich in den 50er und 60er Jahren in der Kreuzstraße 8, der Werkstatt der Firma »C. Blaschke & Sohn«, angefertigt wurden. Von Blaschkes Vater im Jahr 1883 als Lackiererei gegründet, die auch Lichtreklame und Firmenschilder herstellte, übernahm Sohn Karl 1936 das Geschäft nach Lehre im väterlichen Betrieb und widmete sich fortan ganz der geliebten Schriftenmalerei. Ob auf oder hinter Glas gemalt, aus Blattgold gefertigt, oder als große Giebelmalerei – die Nachfrage nach entsprechenden Beschilderungen für Geschäfte, nach Verbots- und Warntafeln, Schildern für Ein- und Ausfahrten, Straßen- und Schaufensterbeschriftungen war hoch. Münchens Altstadt lag nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern, die Firma Blaschke war beliebt bei den Amerikanern. Es mangelte nicht an Aufträgen, im Gegenteil. So gestaltete Blaschke mit seinen bis zu 17 Mitarbeitern die ganze Maximilianstraße. »Er war nicht der Günstigste, aber der Beste!« erinnert sich eine Ladenbesitzerin und ehemalige Blaschke-Kundin. So verwundert es nicht, dass die häufig selbstbewusst inszenierte Signatur nicht als störend wahrgenommen wurde, es handelte sich doch um eine Art Qualitätssiegel.

Nach Blaschkes Tod im Jahr 1970 kümmerte sich seine Ehefrau Maria Blaschke um das Geschäft, die Arbeiten übernahm leitend der Mitarbeiter Heinrich Steigelmann, bevor er die Werkstatt 1987 unter eigenem Namen weiterführte. Mit Verbreitung der Klebefolie Anfang der 90er Jahre musste jedoch auch er den Betrieb einstellen. Damit verschwand ein über 100 Jahre altes Traditionsunternehmen, das das Gesicht Münchens stark geprägt hat und immer noch prägt. Auch der Beruf des Schriftenmalers existiert in seiner ursprünglichen Form nicht mehr. Dieser heißt jetzt »Schilder- und Lichtreklamehersteller«. »Réclamer«. Anpreisen. Bling-Bling. BEAUTY-CENTER.